Lebensraum früher und heute
Mit den folgenden, einfachen Gedanken verfolge ich nicht das Ziel, irgend ein erworbenes Schulwissen nieder zu schreiben; vielmehr ist es der Versuch, Fragen zu beantworten, die sich mir stellen, wenn ich mich draußen in der freien Natur bewege und dabei die unterschiedlichen Landschaftstypen und -formen durchstreife.
Die natürliche Bewuchsdecke Mitteleuropas und damit auch unseres Landkreises besteht aus Wäldern. Wir leben in den gemäßigten Breiten der Nordhalbkugel unserer Erde, die aufgrund der Sonneneinstrahlung und dem Wechsel der Jahreszeiten ein besonders günstiges Klima für alles Leben bieten. Warum ist nun gerade die Ausbildung von Wäldern in unseren Lebensräumen prädestiniert? Die Antwort darauf ist ganz einfach. Sehen wir uns dazu einen einzeln in freier Natur stehenden Baum, eine Kastanie, an (genau so gut kann es eine Eiche, Pappel, Linde oder Buche sein) und stellen uns vor, was im Laufe der Jahre und Jahreszeiten geschehen wird.
Unser Baum sieht im Vergleich zu den Blumen und Gräsern in seiner unmittelbaren Nachbarschaft robust aus und überragt diese an Wuchshöhe um viele Meter. Wir wissen, dass unser Baum viele Jahre benötigt hat, um seine jetzige Größe zu erreichen. Wir wissen auch, dass er uns noch über viele Sommer der Zukunft den wohltuenden Schatten spenden wird, wenn uns die Sommerhitze der Umgebung arg zum Schwitzen bringt. Betrachten wir jetzt einmal die Entwicklung unseres Baumes, der Kastanie und seines Umfeldes:
Durch die jährlich wiederkehrende Fruchtbildung, Reife und den Fall der Kastanien auf den Boden ist jederzeit die Chance gegeben, dass einige dieser Früchte keimen und neue Bäume hervorbringen. Voraussetzung dafür ist nur, dass unsere Kastanienfrucht in die Erde gelangt, von wo aus der Entwicklungsprozess und die Nährstoffversorgung gesichert sind.
In die Erde kommen die Samen bzw. die Früchte durch Plumpsen oder Rollen in Erdlöcher, durch Überlagerung mit Laub, das selbst wieder zu Humus wird oder durch Windverwehungen von Staub und Humus. Im übrigen sind ja die Samen selbst - denken wir an unsere Kastanie - in eine nährstoffreiche Hülle gepackt, so dass auch eine Keimung auf dem Erdboden möglich ist; die Wurzeln finden ihren Weg in den Boden von selbst. Wer jetzt noch Bedenken hat, ob dieses System auch tatsächlich funktioniert, dem sei ein Spaziergang in Wäldern empfohlen, am besten im Erstfrühling zur Zeit der Blattbildung von Buchen oder Eichen. Überall am Boden sind Jungpflanzen dieser Bäume zu sehen.
Wenn also sonst nichts passiert, wird sich auch unser Kastanienbaum vermehren. Die Jungpflanzen werden heranreifen, werden wie ihr Stammbaum Früchte tragen und diese abwerfen. In vielen, vielen Jahren - Zeit spielt ja überhaupt keine Rolle - würde ganz Europa und Asien (vom Atlantik bis zum Pazifik) aus einem einzigen, dichten Kastanienwald bestehen - irgend etwas muß an dieser Theorie nicht stimmen ...und sie stimmt »im Prinzip« doch! Da es aber kein Prinzip ohne Restriktionen oder Ausnahmen gibt, sehen wir uns ganz einfach die nachfolgenden Regeln an, die - wie ich hoffe - sofort einleuchten:
· Ein Baum, hat er einmal Fuß gefasst, wird Jahr für Jahr an Größe und Robustheit zunehmen und zwar so lange, bis er seine endgültige Größe erreicht hat.
· Im Wettbewerb um das lebensnotwendige Sonnenlicht hat ein Baum - ob seiner Größe - keine Konkurrenten.
· Der Baum wird sich den Lebensraum mit anderen Baumarten teilen müssen, wenn beispielsweise ein Eichhörnchen die Früchte von Eichen und Buchen in der Nähe (unserer Kastanie) vergräbt und vergisst, diese im Winter für Nahrungszwecke wieder auszugraben.
· Unser Baum wird sich dann gegenüber seinen Mitbewerbern durchsetzen, wenn die äußeren Lebensbedingungen wie Klimaverhältnisse, Höhenlage und Mineralienzusammensetzung des Bodens eher seinen Bedürfnissen entsprechen als denen der anderen Baum-Konkurrenten.
Selbstverständlich gibt es auch bei Baumarten Spezialisten, die bestimmte Standorte bevorzugen, die wiederum von anderen Arten gemieden werden. Die Birke liebt es, wenn ihr Umfeld sumpfig/nass ist, der Wacholder mag Kalkboden mit wenig Humus, die Fichte ist spezialisiert auf höhere Lagen. Da es auch - wie wir bereits feststellten - viele Kombinationen aus unterschiedlichen Lebensräumen gibt, werden diese auch von mehreren Baumarten gleichzeitig besiedelt. Wir sprechen von natürlichen Mischwäldern mit auf das gegebene Umfeld abgestimmten Schwerpunktarten von Laub- und Nadelbäumen. Es gibt tatsächlich nur ganz wenige Lebensräume, die von Bäumen nicht erfolgreich besiedelt werden können. Neben nacktem Fels, hohen Gebirgslagen, der Wasseroberfläche sind hierzu noch die Überschwemmungsgebiete von Flüssen zu nennen, wo die Samen, Früchte und Jungpflanzen regelmäßig weggespült werden, noch ehe sie richtig Fuß fassen können. Da solche Gegenden hierzulande nur einen kleinen Bruchteil der Fläche insgesamt ausmachen, ist es tatsächlich einmal so gewesen: »Ganz Mitteleuropa war ein einziger Wald, ein Urwald mit Lichtungen und üppiger Vegetation«.
Die Frage, warum denn unsere Kastanie heute so einsam in freier Flur steht, erübrigt sich, weil die Antwort sehr banal ist: »Am Werk war und ist der alles in Besitz nehmende Mensch«.
Durch Abholzen von Wäldern und Urbarmachung des Bodens konnten wir sesshaft werden. Je größer die vom Wald befreiten, also offenen Flächen wurden, umso mehr Menschen konnten mit Nahrung aus dem Boden der Umgebung versorgt werden. Es entstanden Dörfer und Städte, die Menschen schickten sich an, durch Arbeitsteilung ihre Welt zu gestalten. Mit dem Einzug der Technisierung wurde es immer einfacher, die Infrastruktur exakt so zu gestalten, wie sie unseren Bedürfnissen und Wünschen entspricht.
Als Fazit aus dieser Entwicklung gilt, dass es heute in Deutschland und Mitteleuropa so gut wie kein vom Menschen und seiner Technik unberührtes Fleckchen Erde mehr gibt. Einzige Ausnahmen von dieser Tatsache sind vielleicht die unwirtlichen Gegenden der Hochalpen oder der Meere, vielleicht noch einige Restflächen in wirtschaftlich uninteressanten Gegenden der felsigen Mittelgebirge oder sumpfigen Flussauen. Ich muß es gleich vorweg nehmen: »Keine in diesen Internet-Seiten dokumentierte Landschaft bzw. keiner dieser Lebensräume ist unberührte Natur«. Allenfalls kann von naturnahen Gegenden gesprochen werden. Im weitesten Sinne finden wir also bei uns nur noch vom Menschen gestaltete Kulturlandschaften vor.
Sehen wir uns jetzt einmal die fünf großen Lebensraumtypen an, die es hierzulande gibt:
· offene Kulturlandschaften
· Feuchtgebiete
· Trockenrasen
· Wald
· Alpen.
Die Beschreibungen der einzelnen Lebensraumtypen folgen sukzessive ...